DER FEIND IM DUNKELN

Erec v. Astolat

Die beiden großen Frauen hätten Schwestern sein können.

In wilden Locken wehte das schulterlange Haar im Nachmittagswind um ihre Köpfe.. Löwenmähnen gleich.

Beide trugen ausgefallene Business-Kostüme und Assessors.

Was auffiel – und viele Blicke auf sich zog – sie trugen teure Pumps…in den Händen.

Sie liefen barfuß über die Londoner Oxford Street.

Bei näherem Hinsehen erkannte man erst, dass es sich wohl um Mutter und Tochter handeln musste.

»Die turteln herum wie Schulmädchen«, feixte Maureen. »Alle Leute schauen schon merkwürdig.«

Nun – das schien beide nicht zu interessieren.

Die beiden – Sheila  Cargador und Lady Joyce Coventree – hatten uns überredet, einen Modebummel mitzumachen.

Wir – das waren Maureen O’Haviland und ich – Olivia Metaxa.

Wir gehörten zum CPT – dem Criminal Prevention Team – und hatten eben erfolgreich mehrere Fälle abgeschlossen.

Das heißt – Lady Coventree, die Mutter unserer Chefin – arbeite meist verdeckt für das Foreign Office oder die internationale Geheimorganisation der UN – Paraforce.

Sowohl Mutter wie Tochter besaßen dieselbe liebenswerte Macke: Oft zu unpassenden Gelegenheiten barfuß aufzutauchen. Sheila, unserer Chefin, hatte das im Freundeskreis den Namen Die barfüßige Lady eingetragen.

Das CPT bestand aus 12 absoluten Spezialistinnen. Mädels der besonderen Art.

Wir arbeiteten dort, wo die Polizei offiziell nicht mehr tätig werden konnte.

Wir verehrten unsere Chefin und nannten uns daher intern lieber: Das SCT. Das Sheila-Cargador-Team.

»Sie sind so…ungezwungen«, kam es leise von meiner Freundin und sie deutete lächelnd nach vorn.

Ja – es war schön zu erkennen, dass der lange Mutter-Tochter-Streit beigelegt war.

Ich seufzte leise. Wir beide, Maureen und ich, waren absolut gegensätzliche Personen.

Maureen, immer modisch korrekt und up to date, wie aus dem Modekatalog. Ich bevorzugte mehr das Legere oder modische Overalls. Dazu High Heels.

Sie besaß ein äußerst liebevolles Wesen. Aber sie konnte ausrasten, wenn ihr Designerkleid einen Fleck bekam.

Im Einsatz konnte sie eiskalt einen Gegner erschießen, wenn es unumgänglich war.

Wir marschierten gemächlich  an den Geschäften vorbei.

Eher wie zufällig berührten sich Maureens und meine Hände.

Maureen zog ihre Hand zurück.

»Verzeih«, murmelte sie.

Mein Atem ging schwerer und mein Herz begann zu rasen.

Innerlich begann ich zu vibrieren.

Herrjeh…meine Gedanken wirbelten.

Maureen liebte mich mit jeder Faser ihrer Seele.

Ich musste mich entscheiden! Waren meine Gefühle stark genug und bereit für diese Art der Liebe?

Du kannst Maureen nicht ewig hinhalten – hatte Sheila vor ein paar Tagen noch zu mir gesagt. Das hat sie nicht verdient.  

Der feine Spürsinn unserer Lady hatte bereits seit längerem erkannt, was zwischen uns stand.

Maureen hatte mir ihr Herz geschenkt, nachdem ich sie aus den Fängen eines französischen Sado-Klosters gerettet hatte.

Auf einer Party hatte sie mir ihre Liebe gestanden.

Das hatte mich umgehauen.

Nun – monatelang schon wallte mein innerer Kampf und Maureen litt still.

»Du musst dich nicht…«, hörte ich noch. Da blieb ich wie angewurzelt stehen.

Meine Freundin sah mich mit gerunzelter Stirn an.

Mit dem Kopf deutete ich in eine kleinere Nebenstraße. Sie mündete in einem Mini-Park zwischen den Häusern.

Maureen folgte dem Blick.

»Ein SUV. Na und?«

Ich zuckte die Achseln. »Weiß nicht… ich habe so ein komisches Bauchgefühl.«

»Welcher Art?«, kam es zurück.

Nun, ich konnte es nicht beschreiben. Aber etwas warnte mich.

»Geh schon mit den anderen. Ich seh mir das mal unauffällig an.«

Maureen schüttelte den Kopf. »Nee – wir sind ein Team. Komm!«

Wir schlenderten wie unbeabsichtigt, in ein Gespräch vertieft, auf den Park zu. Wir hatten das erste Grün beinahe erreicht, da fuhr der SUV los und in schnellem Tempo an uns vorbei. Durch die getönten Scheiben konnte ich nichts erkennen.

»Merkwürdig«, murrte ich.

Wir sahen uns gründlich um, konnten aber nichts Besonderes entdecken.

Mein fast fotographisches Gedächtnis hatte die Autonummer gespeichert. Ich schickte sie zur Park Lane.

Es dauerte nur knapp drei Minuten, dann meldete sich Sandra Collins aus der Zentrale. Wir nannten die kleine Irin wegen ihre brandroten Haare nur liebevoll unseren Kobold.

Aber sie war unser Ass der Recherche.

»Auf wessen Spur seid ihr da wieder geraten, ihr Mäuse?«, kam es gespielt tadelnd.

Ich erklärte, dass ich es auch noch nicht wüsste.

»Der Wagen ist auf eine Firma namens GTP-Insurance zugelassen.«

Ich machte ein erstauntes Gesicht. »Eine Versicherung…?«

Wir trafen uns in einem Straßencafé, nur zweihundert Meter entfernt von der Gasse.

»Mitnichten! Es handelt sich um eine Tarnfirma des MI-5.«

Ich bedankte mich und unterbrach das Gespräch.

»Wieso turnt der Geheimdienst hier herum?«, fragte Maureen halblaut.

Genau das fragte sich zehn Minuten später unsere Lady auch.

Ein helles Lachen erklang aus dem kleinen Telefon.

»Wo der Secret Service auftaucht, ist immer was faul«, sinnierte unsere Chefin.

»Soll ich mal Sir John fragen?«, kam es leise von Lady Coventree.

Sheila warf ihrer Mutter einen langen, abschätzenden Blick zu.

Dann verneinte sie.

Maureen und ich gaben unsere Bestellung auf.

Dann erklärte Maureen, sie wolle sich etwas frisch machen.

Sheila erhob sich. »Ich komme mit.«

Ich grinste. Kollektives Pipi-Machen, durch zuckte es mich amüsiert.

Da beugte sich Joyce Coventree zu mir herüber. Leise fragte sie:

»Haben Sie mit Maureen gesprochen? Offen geredet?«

Ich seufzte.

»Lady Coventree…das Gespräch mit ihnen – vor einiger Zeit in der Boeing – hat mir sehr geholfen. Ich werde morgen mit Maureen reden.«

Die Lady nickte. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen.

»Sie haben immer noch Angst vor ihren eigenen Gefühlen.«

Ich verdrehte hilflos die Augen. »Ich habe mich nie…war nie…«

Joyce legte ihre rechte Hand auf die meine. »Doch nun dringt Maureen immer tiefer in ihr Herz. Sie versuchen vernünftig zu sein. Aber…was ist Vernunft?«

Sie lachte nun kurz auf.  »Ich liebe John. Von ganzem Herzen und mit jeder Faser meiner Sinne. Aber…wenn ich mit Amanda Harris zusammen bin, dann…ist es wieder eine andere Welt für mich.«

Ich wusste, das Joyce Coventree und die Paraforce-Agentin Amanda Harris ein besonderes Paar waren. Joyce sprach offen und unkompliziert davon.

Aber das war nicht meine Welt!

Entweder oder!

Aber was war für mich entweder…was war oder?

»Die Gefühle des Menschen sind unergründlich«, kam es leise von der Lady. »Es ist niemals falsch, auf sein Herz zu hören. Aber Maureen – dieses liebevolle Geschöpf – leiden zu lassen, ist unfair. Zur Wahrheit gehört auch Mut.«

Maureen! Ja, sie war sehr liebevoll – aber wenn es sein musste knallte sie eiskalt einen Mafiaboss ab.

Lady Coventree lehnte sich wieder zurück. Wie so oft bei ihr – schienen ihre Augen bis ins Innerste meiner Seele zu blicken.

Die Rückkehr von Sheila und Maureen erhob mich weiterer Gedanken.

Eben wollten sich die beiden setzen, als ein ohrenbetäubender Knall uns alle zusammenzucken ließ.

Nach dem er verklungen war, hörten wir immer lauter werdende Schreckensrufe.

Sheila stob als erste auf die Straßenmitte. Ich folgte.

Weit hinten sahen wir Flammen. Autos bremsten scharf – ein Hubkonzert erklang.

»Jemand hat ein Auto in die Luft gejagt!«, stieß ich aus.

Die ersten Polizeisirenen ertönten.

Sheila rannte los. Ich folgte.

Bald sahen wir ein brennendes Autowrack.

Dass es sich tatsächlich um eine Explosion handelte, zeigten die zahlreichen zerborstenen Fensterscheiben in der Nähe.

Zwanzig Minuten später hatte Superintendent Douglas die Hände in die Hüften gestemmt.

 Dann sah er Sheila Cargador.

»Was tun Sie eigentlich schon hier?«, knurrte Douglas ungehalten.

»Keine Angst, Sup – bin eher zufällig hier.«

Es gab in dem Wagen keine Überlebenden und die Identifizierung würde dauern.

Musik

*

Es war wohl gegen neunzehn Uhr, als Chief Hunter unsere Lady anrief.

Wir befanden und eben im Einkaufszentrum GROWER auf der Bond Street.

»Hallo Chief«, hörte ich unsere Lady sagen. »Was gibts?«

»Der Sprengsatz Heutenachmittag…. Eine der drei Insassen konnten wir identifizieren. Charles McFerrow – der Chefkonstrukteur einer IT-Firma, die für die Navy arbeitet.«

»Sie denken, ein Anschlag eines Konkurrenten?«

Der Chief schnaubte. »Der Secret Service hat mir und Douglas den Fall weggenommen. Ich dachte…na…vielleicht können Sie etwas herausfinden.«

»Chief, bei aller Freundschaft…der Fall geht mich nichts an. Aber…ich höre mich mal um.«

Später in der Park Lane führte unsere Lady mehrere Telefonate.

»Hi Olivia!«, rief unsere Chefin durch die offene Bürotür mir zu. »Ich hätte da was für deine Spürnase…«

Wenig später saß ich an meinem Schreibtisch. Ich wusste, wen ich fragen musste.

Da klopfte es zaghaft.

»Herein!«, rief ich.

Maureen huschte herein und schloss die Tür leise.

»Störe ich?«

Das Timbre ihrer Stimme ging mir unter die Haut.

Das Gespräch zwischen Lady Coventree und mir in dem Café war mir zu deutlich in Erinnerung.

»Du störst nie«, erwiderte ich sanft.

Aber eine Aussprache zwischen uns sollte im Moment nicht sein.

Die kleine Irin – Sandra Collins streckte den Kopf zu uns herein.

»Sorry, ihr Schnuckelmäuse –  die Lady hat eine Besprechung angesetzt.«

Wenig später saßen wir alle am Besprechungstisch.

»Ladies…«, begann unsere Chefin, »…Sir John hat mich gebeten, den Fall zu untersuchen. Charles McFerrow, einer der Toten, arbeitete an einem Projekt für die Regierung. Es ging um ein Flugzeug, dass nicht nur für das Radar unsichtbar ist, sondern sich durch Lichtwellenumlenkung völlig jeglicher Beobachtung entziehen kann.«

»Donnerwetter!«, entfuhr es mir. »Da gibt es sicher eine Menge Leute, die sich das gerne zu Nutzen machen würden. Es ist doch sicher auf alles anwendbar…?«

Unsere Lady zündete sich eine Benson & Hedges an.

»In Luzifers Gefolgschaft, wie es in den Akten heißt, hatten wir ja mit Ähnlichem schon zu tun. Nachdem Lady Florence – die Assistentin meiner….von Lady Coventree – die Pläne gestohlen hatte, könnten diese in gewisse Hände gekommen sein. Also hat die Regierung,  respektive  die  Royal  Airforce  –  keine  Kontrolle

darüber. «

»Weshalb bringt man dann McFerrow mit seinem Stab um?«, wollte Maureen wissen.

Unsere Lady lehnte sich zurück.

»Das liegt eigentlich auf der Hand. Um der Britischen Regierung einen Zeit-Rückschlag zu versetzen.«

»Hm…«, machte ich. »Wer dieses Gerät…oder was auch immer…zuerst gebaut hat, ist im absoluten Vorteil. Wer käme infrage?«

Sheila Cargador sah dem Rauch ihrer Zigarette nach.

»Jede Macht der Erde. Vor allem Terroristen.«

»Tonterías! Donde empezar?!«, spie ich aus.

Der Blick unserer Lady glitt zum Londoner Stadtplan in der digitalen Projektion an der Wand.

»Olivia und Maureen beginnen im Umfeld von McFerrow. Da steckt mehr hinter Sache, als man offiziell zugeben will. Sir John ist besorgt.«

*

Wir standen vor dem Haus in Paddington.

Ein feines Einfamilienhaus in grüner Lage.

Als wir klingelten, öffnete uns eine kleine, sportlich wirkende Frau mit dunkler Kurzhaarfrisur die Tür.

Ihr apartes Gesicht sah im Moment verweint aus.

»Mrs. McFerrow…?«, fragte ich leise.

Sie nickte und zupfte dabei an ihrem schwarzen Pullover herum, den sie zur Jeans trug.

»Mein Name ist Olivia Metaxa und das ist meine Kollegin Maureen O’Haviland. Wir sind vom Foreign Office.«

»Foreign…Äh…kommen Sie doch herein.«

Durch einen großen Flur führte Mrs. McFerrow uns in ein großes, freizügiges Wohnzimmer mit Blick auf einen herrlichen Garten. Sie bot uns Sitzplätze auf einer halbrunden Couch an.

Sie fuhr sich nervös mit den Händen durchs Haar.

Ruhig und leise sagte ich: »Unsere aufrichtige Anteilnahme, Mrs. McFerrow. Es ist tragisch.«

Die kleine Frau uns gegenüber schluchzte auf.

»Charles war ein herzensguter Mensch. Er hat…niemandem etwas getan…Warum…?«

Warum? Ja – deshalb waren wir hier.

»Wurde er in letzter Zeit bedroht?«

Mrs. McFerrow zuckte die Achseln. »Er arbeitete für die Rüstungsindustrie. Da wird man von Waffengegnern immer mal irgendwie…«

»Gibt es eine besonders ernsthafte Drohung?«, wollte ich wissen.

»Das weiß ich nicht. Er war immer sehr ruhig. Wir wollten über das Wochenende nach Eastburg in Cornwall fahren. Es gibt da  eine kleine Pension…«, sie lächelte traurig, »…da haben wir uns kennengelernt. Vor acht Jahren.«

Sie schluchzte erneut.

Nun – viel kam bei dem Gespräch nicht heraus. Wir baten um den privaten Laptop von Charles McFerrow, den uns Jane McFerrow – wir wussten inzwischen ihren Vornamen – auch gerne überließ.

Im Wagen fragte ich Maureen: »Was hältst du von ihr?«

Maureen lehnte sich zurück und schürzte die Lippen.

»Sie ist ziemlich fertig. Ihr Mann schien ihr auch nicht sehr viel von seiner Arbeit erzählt zu haben.«

»Klar – er war Geheimnisträger!«

Wir wollten schon starten, als ein schwarzer VAN vor dem Haus hielt.

»Geheimdienst des Inneren«, spie meine Freundin aus.

Zwei Männer in dunklen Anzügen stiegen aus. »Wir verschwinden besser«, zischte ich durch die Zähne und startete den Wagen.

*

Sandra Collins informierte uns dahingehend, dass unsere Lady ein Treffen mit Sir John hatte.

»Ubs«, kam es von Maureen spontan, »hoffentlich ist sie nicht noch teufelssauer wegen der Sache in Schottland. Dann erschießt sie den guten John noch.«

Ich grinste bösartig. »Eine  Kugel spendiere ich gern!«

Meine Freundin lachte gurrend. »Immer so nachtragend…«

»Also nackt bei Minus zwanzig Grad an einem Balken draußen hängen, gehört nicht zu meinem Wohlfühlprogramm«, pfiff ich mehr durch die Zähne.

Sheila Cargador tauchte eine halbe Stunde später auf.

Ihre Gesichtszüge…hm ja…etwas verkniffen.

Ich fragte lieber nicht.

»Bitte zur Besprechung!«, kam es sachlich aus den internen Bürolautsprechern.

Wenig später saßen wir mit Kaffee an dem ovalen Tisch in Sheilas Office.

»Olivia…Maureen…was konntet ihr erfahren?«

Ja – das war leider sehr mager.

»Sandra sollte den Laptop auswerten«, bemerkte ich.

Unsere Lady nickte.

Als ich dann den VAN erwähnte, lächelte sie spitzbübisch.

»Dann sollte unser kleiner Kobold sich beeilen.«

Sandra schnappte sich das Gerät.

»Bin schon weg!«

Als ich Eastburg erwähnte, wurde Sheila hellhörig.

Auf meinen fragenden Blick zu ihrer Mimik, erklärte sie:

»Ich hatte eben ein Gespräch mit Sir John…«

Ich unterbrach rasch.

»Hast du ihn…«

Sheila verdrehte kichernd die Augen. »Er war schon so klein mit Hut, dass er in meinen rechten Pumps gepasst hätte.«

Dann schüttelte sie die wilde Haarmähne.

»Also – den Fall McFerrow übernehme ich mit Sarah Arent. Olivia und Maureen – ihr werdet nach Eastburg fahren. Da stimmt einiges nicht. Es ereignen sich da merkwürdige Dinge. Das Foreign Office vermutet Spionage.«

»Fakten?«

Die Lady nannte sie uns.

Ich räusperte mich. »Personen in grauen Mänteln und grauen Hüten…die anderen das Gedächtnis für einige Zeit nehmen?«

Sheila zündete sich eine Benson & Hedges an.

Den bläulichen Rauch nachsehen bemerkte sie: »Was immer es ist…äußerste Vorsicht!«

*

 Eastburg entpuppte als kleines Nest mit knapp hundert Einwohnern an der Küste Cornwalls. Mein Navi fand es nur mit Mühe.

Das kleine Backsteinhaus mit schnuckeligem Vorgarten hätte aus der Geschichte von Mister Pickwick stammen können.

Unsere Lady hatte es auf Umwegen angemietet.

Maureen und ich zogen ein. Getarnt als zwei College-Professorinnen, die eine Dissertation in Abgeschiedenheit schreiben wollten.

Der gesamte Ort bestand aus einer Straße. Geteilt durch einen großen Platz mit einer niedlichen Kirche, etwa fünf Geschäften, einer Pension und einer Kneipe.

Von unserem hinteren Garten, der sich liebevoll mit Sträuchern und Blumen bestückt  zeigte, sah man über eine Felskante aufs Meer.

»Hier sagt sich ja wirklich Hase und Fuchs Gute Nacht«, murrte Maureen.

Ich lachte belustigt.

»Nobel-Boutiquen und Parfümerien gibt es für Madame wohl kaum.«

Ob der Bemerkung streckte meine Freundin mir die Zunge heraus.

Wir richteten uns ein.

Beim Anblick des einzigen Schlafzimmers mit Doppelbett wurde Maureen sichtlich verlegen.

Ich knurrte: »Was ist? Plötzlich prüde? Mach dich nackig und ich vernasch dich!«

Meine Freundin wurde puterrot.

Ich lachte. »Scherz! Hab dich nicht so!«

Maureen seufzte und stemmte den Rollcase auf das rechte Bett.

Bald hatten wir uns heimisch eingerichtet.

Das Wohnzimmer erinnerte mich mit dem Kamin und den Bücherborden etwas an die Sherlock-Holmes-Geschichten.

Da es hier in Cornwall desabends recht kühl wurde, begutachtete ich das Brennholz. Es gab genügend.

»Ich denke, heuteabend werden wir es uns erst einmal gemütlich machen. Recherchieren erst ab morgen. Dann fallen wir nicht zu neugierig auf.«

Die Bewegungen hinter den Gardinen des Hauses gegenüber bei unserer Ankunft, hatte ich wohl bemerkt.

Maureen inspizierte die bauernhausähnliche Küche.

»Na ja…einkaufen müssen wir auf alle Fälle«, merkte sie an.

Ich warf einen Blick auf Maureens Outfit.

»Du solltest dich etwas weniger auffällig kleiden«, mahnte ich an. »Bei deinem Anblick fallen die Landjunker hier vom Trecker.«

Maureens Augen blitzten.

»My Lord! Das kann ich nicht verantworten!«

Zehn Minuten später stand sie in Shirt und Designer-Jeans vor mir.

Für das Kaff hier immer noch absolut overstilet!

»Mehr Geglimmer auf der Hose ging wohl nicht«, murrte ich.

»Das ist Prada!«, rief Maureen empört aus.

Ich verdrehte nur die Augen.

So machten wir uns auf den Weg.

Es begegneten uns nur zwei Leute auf der Mainstreet. .

In Harry Burgers Grocery Store kauften wir ein.

»Sie sind aber nicht von hier?!«, kam es halb fragend, halb feststellend von der ältlichen Dame hinter der Gemüsetheke.

Ich lächelte. »Nein, wir sind aus Oxford und suchen nur für unsere Arbeit etwas Ruhe.«

Auf den fragenden Blick erklärte Maureen: »Wir müssen diverse College-Vorbereitungen treffen. Masterarbeiten…Sie verstehen? Dafür ist das genau richtig hier für uns. Mal kein Telefon oder andere Störungen.«

Die Dame nickte freundlich.

Wieder auf der Straße meinte Maureen: »Jetzt können wir sicher sein, dass es rund geht im Dorf.«

Mit unseren Tüten beladen, suchten wir den einzigen Pub auf.

Zu meiner Überraschung wirkte er sehr heimelig und gemütlich. Auf einer schmalen Empore mit nur sechs Tischen, fanden wir in einer Nische Platz, gedeckt durch eine große Topfblume. Die Beleuchtung hinter einer Holzleiste spendete warme Atmosphäre.

Die beiden kleinen Bänke an den quadratischen Tischen luden zum bequemen Sitzen ein.

Ein sympathischer Kellner in dunkler Schürze kam und fragte uns freundlich nach unseren Wünsche.

»Ich habe Hunger«, rief Maureen.

Nun…ich auch.

Wir bestellten Steaks mit Pommes Frites. Vorher einen erlesenen Rotwein.

Als die Getränke vor uns standen, sahen wir uns um. Über das Geländer an meiner Seite konnte ich in den etwa vier Meter tieferen Schankraum sehen. Nur vier Leute saßen an der Theke auf den entsprechenden Hockern.

»Keine grauen Mäntel«, murmelte Maureen.

In gewisser Weise konnte ich mir auf die Gerüchte auch keinen Reim machen.

Das Essen war vorzüglich und ich lehnte mich zurück. Ich zündete mir einen schwarzen Cigarillio an.

Maureen hob eine Augenbraue, aber der Wirt sah darüber hinweg und brachte mir einen Aschenbecher.

Mit dankbarem Lächeln quittierte ich das.

»Gefällt mir schon hier«, kam es von meiner Freundin und sie angelte ihr silbernes Zigarettenetui aus dem kleinen Umhängebeutel.

Wir entspannten uns.

Maureen beobachtete den Schankraum und ich studierte ihr, wie von einem Bildhauer geformtes Profil.

Es ließ sich nicht vermeiden, dass mein Herzschlag sich etwas beschleunigte.

Oh Maureen… – ging es mir durch den Kopf, …was machst du mit mir…?!

Irgendwann schlüpfte ich aus meinem rechten Ballerina und fuhr mit  dem bloßen Fuß über Maureen linkes Schienbein. Ich spürte den Stoff ihrer teuren Jeans unter der Fußsohle.

Maureens Kopf zuckte herum.

Ihre Augen wiesen einen Blick aus, der sich zwischen Überraschung, Irritierung und Freude bewegte.

Ich lächelte sie an.

»Ist es dir unangenehm?«, hauchte ich.

Sie schluckte sichtlich und schüttelte dann den Kopf. Ich sah, wie ihre Augen wässerig wurden.

»Du meinst es wirklich…ernst mit mir?«, kam es ebenso leise zurück.

Ich atmete tief ein. Dann ergriff ich über den Tisch Maureens beide Hände.

»Darling…du bist meine liebste Freundin. Mit der Bezeichnung bin ich sehr zurückhaltend. Als du mir damals…auf der Party…also…ich war zu überrascht und auch angesäuselt vom Sekt, dass ich…«

»Schon gut«, kam es zurück. »Ich hatte auch einen im Timpen und…«

Ich schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, nein! Alles okay. Nur…ich bin nicht…« Ich brach kurz ab.  »Ach Scheiße! Ich habe nicht reagiert und ich hatte mir über sowas…nie Gedanken gemacht. Ich bin nicht…Himmel! Ja – ich liebe dich auch! Es hat lange gedauert. Das heißt nicht, dass mich ein männlicher Knackarsch nicht interessiert. Verstehst du? Aber…aber…es ist schön, dich an meiner Seite zu haben und…auch neben dir aufzuwachen.«

Meine Gefühle entwickelten sich zu einem Chaos und ich hatte unkontrolliert die Stimme erhoben.

»Olivia«, kam es leise, aber bestimmt, »verbiege dich nicht! Ich bin auch nicht auf Frauen fixiert. Nachdem du mich damals von dieser irren Äbtissin befreit hast, da…da war ich fertig. Und später im Krankenhaus, da dachte ich an dich und mein Herz lief über. Ich habe gekämpft, aber…«

Ich küsste Maureens Hände. Dann flüsterte ich: »Denkst du, wir haben beide den Mut, eine neue Welt zu betreten?«

Nun lief aus Maureens rechtem Auge eine Träne.

Langsam, sich den Weg über den Nasenflügel bahnend, um sich dann den Weg zur Wange zu suchen.

»Was kann schon passieren…?!«, hauchte ich.

Das Eintreffen einer johlenden Bande junger Leute unterbrach unsere Gefühlsanwandlungen.

Ich schloss die Augen. Irgendwie war ich erleichtert.

Maureen schaute mit gerunzelter Stirn nach unten in den Schankraum.

Verfluchter Profi, durchfuhr es mich wieder mal. Du kannst sofort umschalten!

Die Meute – bestehend aus vier Boys und drei Mädchen, ich schätzte alle um die zwanzig – besetzten randalierend die restlichen Barhocker an der langen Theke.

Der Wirt versuchte die Bande zu beruhigen.

»Leute – alles gut! Was wollt ihr trinken?«

Einer der Jungen – scheinbar der Wortführer – rief, den Wirt ansehend: »Was wir wollen? Ha, Gevatter – alles! Fahr auf. Schampus erstmal!«

Maureen sah mich an. »Das kann heiter werden«, zischte sie.

Da sah einer der Burschen zu uns herauf und rief: »He, ihr Schnuckelmäuse…was geht?«

Ich schnaufte und flüsterte heiser: »Du kannst was aufs Maul bekommen!«

Als wenn der Kerl es gehört hätte, griff er lachend eine der Champagnerflaschen von der Theke und machte sich auf den Weg zu der Empore.

Innerlich spannte ich mich an.

Laut grölte er: »Ihr super Schnackseln…wie wäre es mit einem Schluck?«

Er stieß Maureen einfach weiter auf der Bank zum Geländer und quetschte sich mit hinter den Tisch.

»Nicht so schüchtern!«, stieß er aus und wollte meiner Freundin die Flasche an den Mund drücken.

Alles verlief so schnell, dass ich Maureen Armbewegung kaum wahrnahm. Ihr Ellenbogen stieß gegen den Hals des Burschen. Der wurde aschfahl. Gleichzeitig fing Maureen die Flasche ab, die im aus der Hand glitt.

Der Bursche fiel röchelnd mit dem Gesicht auf die Tischplatte.

Unten randalierte der Rest der Truppe weiter.

»Hilf mir mal kurz«, kam es von meiner Freundin.

Gemeinsam wuchteten wir den Typ von der Bank in eine Ecke. Danach beugte sich Maureen weit über das Geländer und schrie nach unten – den Lärm übertönend:

»He! Ich glaube euer Kumpel ist tot!«

Der Lärm brach ab, als habe man ein Tonband abgestellt. Alle Köpfe ruckten hoch.

Nur kurz währte die Starre, dann rannten zwei der Burschen die Treppe herauf.

»Jonny!«, rief der erste und blieb entsetzt stehen.

Der Kerl sah auch tot aus, obwohl ich wusste, dass er sich nur tief im Land der Ohnmacht befand. Maureen kannte bestimmte Nervenpunkte.

Der zweite Boy wirbelte auf mich zu und schrie: »Verdammte Schlampe, was…?«

Weiter kam er nicht, denn meine zwei Ohrfeigen – rechts und links – ließen ihn bis zur Wand taumeln.

Da stürzte sich der andere auf Maureen und handelte sich solch einen Fußtritt gegen die Schulter ein, dass der Knochen hörbar brach.

Nun drängten die anderen nach oben, weil sie bemerkt hatten, dass wohl nicht alles rund lief.

Ich hatte die Faxen dick!

Meine 44er aus der großen Handtasche ziehend, stellte ich mich auf das Treppenpodest.

»Wenn euer Abend im Leichenschauhaus enden soll…nur zu!«

Das wirkte!

Plötzlich zeigten sich alle wieder nüchtern.

»Okay, Boys«, rief ich.  »Ihr geht jetzt brav runter und bezahlt dem Wirt den Schaden, den ihr angerichtete habt. Danach kümmert ihr euch um euren Freund. Der ist nur im Bereich der Träume. Sollten wir euch in zehn Minuten noch irgendwo auf der Straße sehen, knallt‘s. Ohne Rücksicht auf Verluste! Abmarsch!«

Bezahlung und Rückzug der Bande verlief im Rekordtempo.

Der Wirt sah uns schwer atmend an.

»Oh Mädels…die Gruppe tyrannisiert mich schon seit Wochen immer wieder.«

Ich kicherte.

»Die sind Sie ja nun los.«

Der Wirt wiegte den Kopf. »Da bin ich mir nicht sicher. Da steckt Helge Bouton hinter. Ein Immobilienhai, der mein Haus samt Grundstück möchte.«

Ich hob eine Augenbraue.

»Was will er damit?«

Der Wirt lachte freudlos auf.

»Keine Ahnung! Aber er rennt mir seit einem Jahr die Bude ein. Dass ich den gewaltigen Umsatz hier machen könnte, ist wohl eine Fehlinformation.«

Maureen stemmte die Fäuste in die Hüften.  »Gibt es hier keine Polizei?«

Der Angesprochene schüttelte den Kopf.

»In Clovelly ist die nächste Station. Etwa sieben Meilen von hier. Aber was sollen die tun? Bouton kann man nichts nachweisen und die Bande gibt sich gegenseitig Alibis. Eines der Mädels – die große Braunhaarige in den Cowboystiefeln – ist die Tochter von Harry Person. Stinkreicher Inhaber einer Kleinfluglinie auf dem alten Platz draußen. Aerofield – das Gelände liegt etwas außerhalb. Keine Ahnung was der da hin und her fliegt. Touristen haben wir hier keine.«

Das waren ja interessante Informationen.

Nun – wir tranken noch einen Absacker zusammen, dann machten wir uns auf den Heimweg.

Wir inspizierten das Gelände und das Haus sorgfältig, aber niemand schien uns einen Besuch gemacht zu haben.

Sorgfältig verschlossen wir die Haustür. Zudem nahm ich die Kellertür unter die Lupe. Doch auch diese war mit schweren Dreifachriegeln gesichert.

Maureen hatte sich der Schuhe entledigt und hantierte bereits in der Küchenzeile.

Mich über die Essbar lehnend, beobachtete ich meine Freundin.

Kochen…nun, das war nicht meins!

Maureen sah zu mir und lächelte.

»Ich denke, ein gemütlicher Nachtisch nach der Aktion wäre okay.«

Ich hatte keine Einwände und schürte das Kaminfeuer höher. Es wurde doch nun zum Abend merklich kühl.

Meine Freundin zauberte eine hervorragende kandierte Creme.

Wir genossen sie am Kamin. Die zwei Clubsessel hatten wir zusammengeschoben. So passten wir beide, uns gegenüber sitzend hinein. Unsere Füße lagen jeweils bei der anderen.

Auf einem kleinen Tischchen, gut erreichbar, stand der Rotwein.

»Was hältst du von der Sache mit diesem Flugzeug-Fritzen?«, fragte Maureen.

Ich zuckte die Achseln.

»Das ist schon alles merkwürdig. Ich denke, morgen sehen wir uns das alles mal näher an.«

Maureen räkelte sich wohlig.

»Es ist schön mit  dir«, flüsterte sie.

Lächelnd gab ich zurück: »Dich möchte ich in meinem Leben nicht missen.«

*

Das merkwürdige Geräusch vernahm ich eher unterbewusst.

Mich steil aufrichtend horchte ich.

Zeitgleich glitt Maureen aus dem Sessel und griff zu ihrer Browning.

Sie hatte es also auch gehört.

Es resultierte von der linken Stahlrollade.

Vorsichtshalber hatten wir alle Fenster dicht gemacht. Trotzdem sprang ich hoch und löschte die Stehlampe neben dem Kamin.

Wir spitzten die Ohren.

An unserem Vorgartentor stand eine altertümliche Straßenlaterne. Durch das Licht sahen wir, wie jemand versuchte, die Rollade anzuheben.

Im flackernden Kaminschein machte ich Maureen ein Zeichen.

Sie nickte und ich ergriff von der kleinen Anrichte die Taschenlampe.

Barfuß schlichen wir zur Zimmertür in den Flur und öffneten ganz langsam die Haustür.

Wir sahen an dem Fenster zwei Schatten.

Als meine Freundin den Schalldämpfer auf den Lauf der Browning schraubte, staunte ich wieder einmal, wie gut vorbereitet dieses Weib war.

Es machte nur kurz PLOPP.

Mit einem Aufschrei sackte einer der Schatten zu Boden.

Maureen hatte auf die Knie gezielt.

Der zweite Schatten schien sich steil aufzurichten, dann stob er durch das Gebüsch zur Straße.

Wir vernahmen noch einen Fluch.

Der Motor eines Wagens heulte auf.

Nun richtete ich den gebündelten Strahl der Handlampe zum Fenster.

Stöhnend hielt sich da jemand sein rechtes Knie.

Ich kam näher.

»Das ging wohl in die Hose«, feixte ich schadenfroh.

Verzerrt blickte mich einer der Burschen aus dem Pub an.

Wir verfrachteten ihn ins Haus.

»Sau uns nicht den Teppich ein«, stieß ich drohend aus.

Maureen angelte aus einem hohen schmalen Schrank einen Verbandkasten.

»Jetzt erzähl Mutter mal, was die Aktion bedeuten sollte.« Meine Stimme klang hohl.

Der Bursche stöhnte nur.

»Jammerlappen!«, kam es verächtlich über die Lippen meiner Freundin.

»Keine dummen Ideen«, drohte ich, als Maureen begann die Schusswunde freizulegen.

Maureen sah mich triumphierend an. »Gatter Steckschuss.«

Dann richtete sie den Blick auf den Burschen.

»Du hast die Wahl…Arzt oder Invalide. «

»Scheiße!«, stieß der Bursche aus.

Zwanzig Minuten später traf der Ortsarzt ein.

Erstaunt fixierte er uns, in Anbetracht der Schusswunde.

Verdeckt hielt ihm Maureen ihren Scotland-Yard-Ausweis hin.

Der Verletzte musste das nicht sehen.

»Na…dann wollen wir mal…«, knurrte der Doc und öffnete seine Arzttasche.

Der Bursche war wirklich eine Memme. Aber nach einer halben Stunde zierte ihn ein dicker Verband.

Als der Doc gegangen war, drückte ich  Armin – den Namen wussten wir inzwischen – einen Cognac in die Hand.

»Austrinken und dann Butter bei die Fische! Was läuft hier?«, herrschte ich ihn an.

Der Bursche öffnete und schloss den Mund…dann endlich brachte er hervor:

»Helge Bouton hat uns dafür bezahlt, wenn wir…na ja…er ist wohl scharf auf das Grundstück mit dem Pub und wir sollten da mal immer zwischendurch die Gäste vergraulen. Nichts Ernstes…eben Randale.«

»Aha«, machte ich. »Und die Aktion vorhin?«

Armin wedelte mit den Armen, wobei er schmerzhaft das Gesicht verzog.

»Wir waren sauer! Wegen der Sache im Pub…wir wollten wissen, wer Sie sind.«

Ich brachte mein Gesicht ganz nah an das seine.

»Wir haben diverse College-Arbeiten vorzubereiten und wollen unsere Ruhe.«

»So…«, kam es erstaunt, »…mit ner Knarre?«

Ich nickte. »Ist ja wohl nötig, in dem Kaff hier.«

Maureen rief den einzigen Taxiunternehmer des Ortes an, um den Burschen heimwärts zu verfrachten.

Nachdem wir wieder aufgeräumt hatten, bemerkte meine Freundin sarkastisch:

»Genau so stelle ich mir einen gemütlichen Abend vor.«

*

Der folgende Morgen begann trübe.

Leichter Nieselregen überzog das Land.

Als ich erwachte, lag Maureen eng an mich gekuschelt.

Ich musste lächeln.

Wie lieb und zart wirkte sie jetzt. Trotz ihrer Gardegröße. Aber im Einsatz konnte sie auch eine echte Furie sein.

Verdammter süßer Profi, durchzuckte es mich zum x-ten Mal. Vorsichtig löste ich mich und huschte ins Bad.

Als ich nach zwanzig Minuten frisch geduscht wieder auftauchte, flitzte meine Freundin lächelnd an mir vorbei.

Ja – dachte ich – die Nacht war magisch.

Bald duftete es nach Kaffee im Haus.

Maureen erschien nur in einem NEW YORK BOWLES SHIRT und Jeans.

Ich stellte mich steif mit dem Rücken an die Küchenarbeitsplatte.

»Holla!«, stieß ich aus. »Kein Escada oder Alba? Auch noch ganz unten ohne…Geht’s dir gut?«

Maureen lächelte spitzbübisch.

»Alles zu seiner Zeit, herzallerliebste Freundin.«

Ich kicherte. »Aber noch Zeit, die Zehennägel perfekt zu lackieren.«

Sie setzte sich an die Essbar.

»Wer kann – der kann!«, kam es zurück. »Jetzt hab ich Hunger.«

Nach dem Frühstück meldete sich unsere Freundin und Chefin Sheila Cargador über das Dienst-Telefon.

»Hallo, ihr Mäuse – was gibt es zu berichten?«

Kurz und knapp schilderte ich die Ereignisse des Vortages und der Nacht.

»All right, Mädels – was habt ihr vor?«

»Wir nehmen den Immobilien-Heini unter die Lupe und sehen uns diese Fluglinie

an «, erklärte ich.

Dann teilte Sheila uns noch mit, dass man in der Sache Charles McFerrow nicht recht weiter kam.

Aber da fiel mir etwas ein.

»Wie lautet der Geburtsname von Jane McFerrow?«

Ich spürte, wie die Lady stutzte.

»Wie…kommst du jetzt darauf?«

Ich sog die Luft ein. »Keine Ahnung…Intuition.«

»Warte….Moment….«

Ich vernahm das Ticken der Computer-Tastatur.

»Hier ist es… Jane McFerrow geborene Bouton. Sie hat noch einen Bruder – Helge Bouton. Verdammt! Nanntest du den Namen nicht eben?«

»Ja…der Immobilien-Fritze. Da sehe ich im weiten Dunst mögliche Zusammenhänge.«

»Okay«, entschied die Lady, »bleibt dran. Aber Vorsicht!«

Maureen hatte mitgehört.

»Dann machen wir mal einen Besuch.«

Das Immobilienbüro war nicht sehr weit. Wir kamen am Pub vorbei, als mir ein VAN auffiel. Ich machte Maureen darauf aufmerksam.

Da stutzte ich.

Ein Mann stieg aus.

Er trug einen grauen Hut und einen ebenso grauen Anzug. Eine merkwürdige grau flimmerte Aura umgab die Person.

Wir warteten.

Nach fünf Minuten kam der Mann zurück, stieg in den VAN und der Wagen fuhr an.

»Da sollten wir mal hineingehen«, flüsterte Maureen.

Nur fünf Minuten später betraten wir den Schankraum und…staunten.

Fünf Personen saßen recht apathisch auf den Hockern. Der Wirt sah uns mit leeren Augen an.

»Hallo – alles okay?«, fragte ich.

Es gab keinen Zweifel, der Wirt erkannte uns nicht wieder.

»Hier ist was faul«, konsternierte ich.

In diesem Moment setzte wieder Gesprächslärm ein. So – als schalte jemand das Radio an.

»Oh…hallo…schön Sie zu sehen!«, rief der Wirt erfreut aus.

Wenig später wussten wir, dass niemand etwas vom Eintritt des Grauen mitbekommen hatte.

Der Versuch, Bouton aufzusuchen, lief fehl. Er fuhr uns gerade im Wagen davon.

»Was jetzt?«, fragte Maureen.

Ich schlug vor, unser Auto zu holen und zu diesem Flugfeld zu fahren.

Gesagt – getan.

»Unspektakulärer Kleinflughafen«, murmelte Maureen und ließ das Fernglas schweifen.

Doch da fiel mir etwas auf. Ich deutete nach links.

»Das war doch früher mal ein militärisches Feld…«

»Ja…ich glaube wohl. Wieso?«

Ich lehnte mich hinter dem Steuer zurück.

»Dort aus dem grünen Hügel kamen während der letzten Minuten zwei schwere LKWs heraus.«

Meine Freundin machte runde Augen. Du vermutest…?«

»Genau das! Sieh mal dort – Mr. Bouton verlässt eben das Gebäude dort am

Tower.«

Maureen schnippte mit den Fingern. »Dann sollten wir uns das ansehen!«

*

Kurze  Musik

Nebelfelder zogen über das Gelände.

Seit einer Stunde beobachteten wir von dem angrenzenden Wäldchen aus den Bunkereingang. Zwei LKWs waren hinein gefahren. Sie trugen große runde Behälter.

Nur eine Bogenlampe leuchtete in der Nähe.

»Okay – wir gehen rein!«, kam es bestimmt aber ruhig von Maureen.

Sie war wieder der eiskalte Profi-Engel.

Wir arbeiten uns durch das Buschwerk. Die Spezialbrillen zeigten keine Lichtsperren an.

Die Lampe meidend, drückten wir uns an den Eingang des nicht an Länge absehbaren Tunnels.

Nach etwa dreißig Metern stießen wir an eine Stahltür.

Mierda! Wie da rein kommen?

Da röhrte ein Lastwagen heran. Wir drückten uns eng in das Efeu der Felswand. Das Schott hob sich, als der Wagen etwa zehn Meter heran war. Er reduzierte die Geschwindigkeit.

Maureen und ich klemmten uns in geübter Bewegung wie im Ballett unter das Chassis.

Wir hatten alle Mühe uns festzuklammern, zumal wenige Zentimeter vor meinem Gesicht die Antriebswelle rotierte.

Es wurde heller. Vermutlich hielten wir in einer Halle. Wir vernahmen Befehle.

Kein Zweifel – hier spielte die Royal Army mit.

Unmöglich konnten wir jetzt das Versteck verlassen. Meine Muskeln verkrampften sich schon, da fuhr der LKW wieder an.

Ich schloss stöhnend die Augen.

Bloß nicht loslassen!

Endlich ein Halt.

Jemand sprang aus dem Führerhaus. Eine Tür klappte, dann dimmte das Licht.

Schwer atmend ließ ich mich auf den Betonboden herab. Maureen tat das selbe.

Ich sah, dass sie versuchte, die Blutzirkulation in den Armen wieder in Gang zu bringen.

»Das Fitness Studio muss sich ja mal auszahlen«, stieß sie grinsend aus.

»Sonst hättest du auch die Gebühren zurückfordern können«, knurrte ich.

Wir rollten uns unter dem Fahrzeug hervor.

Ich sah mich um. Eine weite unterirdische Halle.

»Ich denke«, flüsterte ich, »wenn wir etwas erfahren wollen, müssen wir durch diese Tür dort.«

Hinter dem Durchgang eröffnete sich ein langer Gang. Rechts zweigte eine Tür ab – weiter hinten, wohl zwanzig Meter entfernt – eine Art Schott.

»Zahlencode«, murrte ich.

Maureen kicherte. »Wie albern!«

Sie zog ein kleines, flaches Gerät aus dem Ninjaanzug und hielt dieses gegen die Tastatur. Sogleich flimmerten auf dem Minidisplay sechs Zahlen auf.

»Geht doch!«, flüsterte meine Freundin belustigt, als das Schott aufschwang.

W a s  ich weniger lustig empfand, waren die vier MP-Läufe, in die wir blickten.

»Treten Sie näher, meine Damen«, erklang eine sonore Stimme.

Mierda! Ich hatte weder Kameras, noch andere Warngeräte bemerkt.

Robust fesselte man uns mit Kabelbindern und stieß uns vorwärts bis zu einem zweiten Schott.

Ich weitete die Augen.

Hier sah es aus, wie im Houston-Kontrollcenter.

»Was wird das?«, stieß ich aus.

»Klappe!«, kam es nur kurz zurück. »Die Admiral will Sie sehen!«

Die…Admiral?

Es wurde spannend.

Wenig später standen wir in einem Büro, dessen kostspielige Ausstattung sich kaum überbieten ließ.

Man ließ uns allein.

Hinter einem pompösen Schreibtisch, der einige interessante futuristische Armaturen aufwies, stand ein hochlehniger Sessel.

Mit der Rückseite zu uns.

Der Sessel schwang nun um und wir sahen in das amüsierte Gesicht von… Jane McFerrow.

Irgendwie hatte ich es geahnt.

Keine Erklärung warum. Wieder Bauchgefühl.

»Sie leiten also dieses Geheimkommando«, sagte ich feststellend. »Deshalb haben Sie ihren Mann ins Jenseits befördert? Er kam dahinter?«

Jane McFerrow nickte vergnügt.

»Allerdings alles nicht im Sinne der britischen Regierung.«

Auf meinen fragenden Blick meinte Sie: »Was mein…nun ja…Mann für ein Flugzeug entwickelte, lässt sich auf viele Erweiterungen ausbauen. Zum Beispiel durch Kleinaggregatte, kann man die Lichtwellenumlenkung für Armeen nutzen.«

Ich hob eine Augenbraue. »Die Männer in Grau…«

Jane McFerrow erhob sich und kam um den Schreibtisch herum.

»Richtig! Schon länger arbeite ich für ein privates Forschungsunternehmen. Die Fördergelder der Regierung…nun ja…die flossen in mein kleines Unternehmen.«

Sie zuckte etwas mit den Achseln und lehnte sich mit dem Po an die Schreibtischkante.

»Zur Sache! Das Grau entsteht, wenn die modifizierten Lichtstrahlen nicht ausreichen. Wir arbeiten aber daran. Eine interessante Nebenwirkung ist aber, dass man Menschen im direkten Umfeld durch Teilnahmslosigkeit ausschalten kann. Das wäre zum Beispiel in den Golfkriegen sehr vorteilhaft gewesen.«

»Da dachten Sie, das geht auch auf eigene Rechnung?! Sie sind verrückt!«

Mein Gegenüber winkte abwerten mit der rechten Hand.

»Business ist Business!«

Von wieviel Idioten hatte ich das schon gehört…

Da öffnet sich die Tür und eine  schlanke, große Frau trat ein. Ihr blondes Haar war zu einem strengen Knoten geordnet. Gekleidet war sie in eine Airforce-Uniform. Sie hielt eine Akte in der Hand.

»Die letzten Labor-Ergebnisse, Admiral«, vernahm ich die Altstimme.

 Dann wandte die Frau sich um und kam auf  mich zu.

»Eindringlinge?«, stieß sie spöttisch aus und trat hinter uns.

Ich hielt die Luft an.

Eher unterbewusst spürte ich, wie die Fesselbinder durch geschnitten wurden.

»Wir werden sie eliminieren, Professor. Dem Foreign Office melden wir zwei russische Terroristen«, kam es kalt von Jane McFerrow.

Nur vorsichtig bewegte ich meine Finger hinter dem Rücken.

Die Wachen hatten uns zwar schnell gefesselt, aber sie sahen es wohl nicht als notwendig an, uns auf Waffen zu durchsuchen. Eine Nachlässigkeit! Meine 44er steckte unter der Kampfjacke im Schulterhalfter.

Die mit Professor angesprochene Frau machte plötzlich einige Schritte zu einem flachen Schrank auf der linken Seite des Büros.

»Herrjeh…was ist das?«, rief sie dabei aus.

Jane McFerrow zuckte zusammen, stieß sich vom Schreibtisch ab und folgte der Blonden ein paar Meter.

Maureen und ich, wir verständigten uns durch einen Blick.

Dann lief alles ab wie auf einer Übung.

*

Lady Coventree hatte über ihren Handy-Code die Park Lane informiert.

Sir John blickte Jane McFerrow hinterher, die von zwei Marinesoldaten weggeführt wurde.

»Eine geniale Wissenschaftlerin. Leider größenwahnsinnig«, seufzte er.

Ich dagegen baute mich vor meiner Chefin, Sheila Cargador auf.

»Darf ich nun mal um eine Erklärung bitten? Und ich sage dir…sie muss gut sein!«

Ich kochte vor Zorn, denn man hatte Maureen und mich auf den Fall losgelassen, ohne uns zu informieren, dass die Ermittlungen von zwei Seiten liefen.

Unsere Lady sah mich ernst an.

»Ich konnte euch nicht in Gefahr bringen, deshalb durfte absolut nichts durchsickern, dass ihr was mit den Ermittlungen zu tun habt. Sir John, Lady Coventree, Sarah Arent und ich, sind den Fall über einige undichte Stellen in der Airforce und dem Defense Department angegangen. Dr. Jane McFerrow wollte die Erkenntnisse ihres Mannes weiterentwickeln und an den Industriemagnaten Igor Dragon verkaufen. Dieser wollte über den Immobilienmakler Bouton das besagte Haus mit dem Pub kaufen. Vom letzten Krieg her gibt es von dem Keller des Hauses einen Gang bis hier zum alten Stützpunkt. Ein Gefahrenpunkt für den Versuchsstützpunkt.«

Ich stieß hörbar die Luft aus. Dann deutet ich auf Sheilas Mutter.

»Wie kommt Lady Coventree hier herein?«

Nun lächelte Sir John  zurückhaltend.

»Joyce war mit Charles McFerrow befreundet und so konnten wir Jane schmackhaft machen, sie als Wissenschaftlerin für wechselnde Licht – und Magnetfelder einzubeziehen. Im Office zeichneten sich bereits schon länger Meldungen ab, dass bei einer MI-5 Sonderabteilung etwas nicht mit rechten Dingen zu ging.«

Ich verzog das Gesicht, als ich Sheila anblickte.

»Wenn wir das vorher gewusst hätten, wäre unsere Aktion anders geplant worden.«

Unsere Lady nickte. »Eben! Aber genau so war es richtig. Euer Auftauchen hier in Eastburg sorgte dafür, dass man sich auf euch konzentrierte. Und nicht auf meine Mutter oder Sarah und mich.«

Ich schluckte.

»Alle Ereignisse waren vorausplanbar…«

Ich fasste es nicht.

Wutschnaubend drehte ich mich um und verließ die Anlage.

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